Redensarten Ich sag mal

Zettel mit Risiken und Nebenwirkungen
 
Die meisten Leute nennen die Dinger Zettel. Die offizielle Bezeichnung ist: Packungsbeilage, und die ist allen zugelassenen Medikamenten beigefügt. Wenn es Ihnen gelungen sein sollte, dieses Papier aus den verpackten Medikamenten, zwischen die es eingeklemmt ist, unbeschädigt herauszuziehen und zu entfalten, dann haben Sie eine Liste in der Hand, die mit Kleinstgedrucktem beschriftet ist und locker einen halben Meter lang sein kann.
Don Giovannis Diener Leporello, der auf einer solchen, seitdem nach ihm benannten Liste Buch geführt hat über alle Frauen, die sein superpotenter Chef verführt hat (allein in Spanien 1003), wäre beim Anblick der Packungsbeilagen vor Neid erblasst.
Sie aber, liebe Patienten, sollen diese Papiere sorgfältig lesen, bevor Sie das dort beschriebene Medikament einnehmen. Dabei wäre Ihnen eine Lupe und ein Pschyrembel (oder ein anderes medizinisches Lexikon) nützlich. Und falls Sie verstanden haben, welche Risiken und Nebenwirkungen Ihnen bei Einnahme des Medikaments drohen – dann werden Sie richtig krank. Und schmeißen die Pillen verunsichert weg.
Das tun, laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, immerhin 15 Prozent der Patienten, die den Beipackzettel zwar gelesen (72 Prozent), aber höchstens zur Hälfte verstanden haben.
Dies wiederum kommt daher, sagen die Ärzte, denen ich zu vertrauen Grund habe,"dass nicht Mediziner diese Zettel verfassen, sondern Juristen". Und die sind vermutlich nicht von Patienten, sondern von der Pharma-Industrie zur Abwendung von Regressansprüchen engagiert worden.
Das hat natürlich eine Rechtsgrundlage, und zwar die "Richtlinie 2001/83/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 6.November 2001 zur Schaffung eines Gemeinschaftskodexes für Humanarzneimittel", umgesetzt in Artikel 11 des deutschen Arzneimittelgesetzes. Dort steht aber auch, dass die Fachinformationen des Beipackzettels "allgemein verständlich und gut lesbar" in der jeweiligen Amtssprache sein sollen. Verstehen Sie Amtssprache?
Übrigens: Wenn Sie es schaffen, einen solchen Beipackzettel wieder klitzeklein zusammenzufalten und beizupacken, dann können Sie sich mit der Nummer im Variete`sehen lassen.
Fragen Sie wegen der Risiken und Nebenwirkungen doch lieber Ihren Arzt oder Apoteker. Aber ob die solche Beipackzettel lesen?
 
Gefunden im Hamburger Abendblatt                            von Hermann Schreiber
  
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